Midlife-Crisis? Festgefahren im Alltagstrott? Drei praktische Tipps für neuen Wind ab 40. Mit Niklaus von Flüe, berühmtester Einsiedler der Schweiz

Liebe Sonntagswortgemeinde!

Ab Mitte 30 sehen Menschen ihr eigenes Leben immer kritischer. Das Glücksgefühl nimmt ständig ab, bis es den Tiefpunkt erreicht im 46. Lebensjahr. Spätestens dann sind viele Menschen enttäuscht von der Vergangenheit und gleichzeitig desillusioniert über die Zukunft. Die zweite Lebenshälfte erscheint vielen geradezu bedrohlich. Wie weiter?

Heute ist der Gedenktag von Niklaus von Flüe. Wer ist dieser Mann? Ein Einsiedler mit internationaler Ausstrahlung über Jahrhunderte hinweg und bis in die Gegenwart. Ein Heiliger und Schutzpatron der Schweiz. Im heutigen Dorf Flüeli-Ranft (Kanton Obwalden) war er Bauer und Familienvater, mit seiner Frau Dorothee hatte er 10 Kinder. Zusätzlich versah er staatliche Ämter, war Richter in seiner Wohngemeinde Sachseln, und Ratsherr des Kantons.

Aber dann kommt alles anders! Auf dem Höhepunkt seines Lebens bricht Niklaus von Flüe ganz und gar mit dem bürgerlichen Leben. Er gibt all seine Ämter ab, verlässt die Familie, zieht sich zurück und wird Einsiedler in der Ranft-Schlucht, nicht weit von dort, wo das Wohnhaus seiner Familie steht. Sein jüngstes Kind ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 1 Jahr alt. Warum tut er das? Wir wissen es nicht genau. Und zum Glück tun das nicht alle. Sein Total-Ausbruch aus der bürgerlichen Welt hat drastische Konsequenzen für seine Familie und besonders für seine Ehefrau. Für die wenigsten von uns ist dieser Schritt eine realistische Option. Aber können wir daraus etwas lernen, auch ohne selbst in die komplette Isolation abzuwandern?

Steckte Niklaus von Flüe in einer «Midlife-Krise»? Als er seine Familie verliess, war er 50 Jahre alt, das war für damalige Verhältnisse deutlich über der Lebensmitte. Eine «Midlife Crisis» ist das also nicht mehr, aber eine Lebenskrise auf jeden Fall. Heute sieht das anders aus, Alter 50 rückt deutlich näher an die statistische Lebensmitte heran. Das ist typischerweise ein schwierige Zeit im Leben, wie die Psychologin Perrig-Chiello schreibt:

«In der Jugend fühlen sich Menschen tendenziell stark und zufrieden, leben beflügelt von Hoffnungen und großen Erwartungen. Ab Mitte 30 aber beginnen sie, Wunsch und Wirklichkeit immer häufiger zu vergleichen – und das Glücksgefühl nimmt stetig ab, bis es einen Tiefpunkt erreicht. In Europa ist das bei 46 Jahren der Fall, in Schwellenländern bei 43 Jahren. Viele Menschen sind dann enttäuscht von der Vergangenheit und zugleich wenig hoffnungsvoll für die Zukunft, die zweite Lebenshälfte erscheint vielen geradezu bedrohlich.»

Pasqualina Perrig-Chiell in GEO WISSEN Nr. 62 “Lebenskrisen überwinden”

Die Biographie von Niklaus von Flüe mit der existenziellen Zäsur mitten drin ist bemerkenswert. Sie hat allen etwas zu sagen, die schon etwas älter als blutjung sind. Die drei Tipps im Video gelten besonders in der Zeit der Midlife Crisis, aber sie stimmen vermutlich auch sonst recht gut, ganz egal, wie alt man ist.

Ich wünsche Ihnen ein anregendes neues Wort zum Sonntag.
Gottfried Locher

Das Video

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Bonusmaterial

Über Niklaus von Flüe

Wer mehr wissen will über den berühmten Einsiedler aus der Innerschweiz, der findet Interessantes auf den beiden ihm gewidmeten Internetseiten:

bruderklaus.com und nvf.ch.

Niklaus von Flüe

Das Gebet «Mein Herr und mein Gott» von Bruder Klaus

Hier zwei schöne Vertonungen, ideale Sonntagsmorgen-Musik!

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir!
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir!
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir!

Teresa von Ávila

Teresa von Ávila hat übrigens ein Gebet geschrieben, welches in Form und Inhalt sehr ähnlich ist und weltberühmt wurde: «Nada te turbe» («Nichts verstöre dich»):

Nada te turbe, nada te espante
Quien a Dios tiene, nada le falta
Nada te turbe, nada te espante
Solo Dios basta

Auf Deutsch in etwa: «Nichts verstöre dich, nichts erschrecke dich. Wer Gott [in sich] hat, dem fehlt nichts.»

Das Sachsler Meditationstuch

Die Forschung geht davon aus, das Niklaus von Flüe dieses Tuch in seinen Gebetszeiten und Meditationen verwendet hat. Mehr Informationen dazu gibt es hier und hier. Das Tuchbild in hoher Auflösung: