Gibt es die Seele? Nein, sagt die Wissenschaft. Vielleicht, sagt die Erfahrung. Ja, sagt das Christentum. Wie passt das zusammen?

🟩 Hat auch die Rose eine Seele?

Liebe Mitglieder, liebe Freunde

Gibt es die Seele? Wichtige Fragen stellt man ein Leben lang. Antworten sind mehr oder weniger ĂŒberzeugend, je nach Lebenslage, in welcher man gerade steckt. Im neuen Wort zum Sonntag fassen wir die wichtigsten Antworten aus drei Jahrtausenden zusammen. Kurz, klar, verstĂ€ndlich. Nichts, davon ist wirklich neu, das meiste sogar ziemlich alt. Doch mit den Wahrheiten ist es wie mit dem Wein: QualitĂ€t hĂ€lt lange, und ewige Wahrheiten haben grundsĂ€tzlich kein Verfalldatum. – Gibt es die Seele? Wir beginnen mit der Seele der Rose im Bild von J. W. Waterhouse. Zum Video: Bild unten anklicken.

Herzlich grĂŒsst

Gottfried Locher und Team

🟩 PS. Hier kann man jederzeit die Mitgliedschaft erneuern.

Zum Video: Bild anklicken.

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🎁 Bonusmaterial fĂŒr Mitglieder

📖 Zum heutigen Bibeltext

«Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.» 

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Die Sicht des Physikers ĂŒber die Seele

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Dr. Stefan Klein

Dr. Stefan Klein, geboren 1965 in MĂŒnchen, ist Physiker, Philosoph und der erfolgreichste Wissenschaftsautor deutscher Sprache. Er hat ein lesenswertes Essay geschrieben mit dem Titel: «Hat der Mensch wirklich eine Seele?» Im Unterschied zu anderen Naturwissenschaftern verzichtet Klein nicht auf den Begriff der Seele. Aber er begreift die Seele anders als das Christentum. (Mehr dazu im obgenannten Essay.)

Der Begriff «Seele» ist unklar

Darum ist die Idee einer Seele so verfĂŒhrerisch. Selbst wenn wir es wollten, könnten wir uns kaum gegen sie wehren. Dabei ist noch nicht einmal klar, was genau wir mit diesem Begriff eigentlich meinen. Er hat fast so viele Bedeutungen, wie sich Philosophen auf der Suche nach dem innersten Wesen des Menschen gemacht haben. Sie alle schwingen mit, wenn wir von der „Seele“ reden.

Stefan Klein

Die Seele ist nicht da, sie entsteht fortwÀhrend

Die Seele ist nicht da, sie entsteht fortwĂ€hrend. Sie mag uns zwar keine Untersterblichkeit garantieren; doch dafĂŒr begegnen wir in ihr unserem eigenen Lebendigsein. In dieser Erkenntnis liegt eine enorme Befreiung: Wir mĂŒssen nicht auf den Tod warten, um das zu erfahren, was das Christentum mit der Geschichte der Auferstehung umschreibt.

Stefan Klein

«Seelenfenster» im Kanton Wallis

Seelenfenster seele

Im Schweizer Kanton Wallis gibt es HÀuser mit einem sogenannten Seelenfenster. Dieses Fensterchen wird geöffnet bei TodesfÀllen, damit die Seele des bzw. der Verstorbenen aus dem Haus entschwinden kann. Das kann als Aberglaube abgetan werden, ist aber, bei genauerem Hinsehen, nichts anderes als eine Visualisierung der Idee, dass die Seele so etwas wie die IdentitÀt eines Menschen ist. Beim Tod entschwindet diese IdentitÀt anderswohin. Mit einem Seelenfenster wird diese Vorstellung anschaulich. Hier ein kurzes Video dazu.

Die Seele im Christentum

August Suter

Anders als der Physiker Klein beschreibt das Christentum die Seele als etwas, das durchaus «immer da» ist. Von der Zeugung an und ĂŒber den Tod hinaus an gehört die Seele unverzichtbar zum Menschsein . Sie reprĂ€sentiert die immerwĂ€hrende, unverĂ€usserliche und nicht mehr endende IdentitĂ€t des Menschen.

Seele ist das Lebensprinzip im Menschen

In der Heiligen Schrift bedeutet der Ausdruck Seele oft das Leben des Menschen oder die ganze menschliche Person. Er bezeichnet aber auch das Innerste im Menschen, das Wertvollste an ihm, das, wodurch er am meisten nach dem Bild Gottes ist: ,,Seele” benennt das geistige Lebensprinzip im Menschen.

Katechismus, § 363
Seele ist die «Form» des Leibes

Die Einheit von Seele und Leib ist so tief, daß man die Seele als die ,,Form” des Leibes zu betrachten hat, das heißt die Geistseele bewirkt, daß der aus Materie gebildete Leib ein lebendiger menschlicher Leib ist. Im Menschen sind Geist und Materie nicht zwei vereinte Naturen, sondern ihre Einheit bildet eine einzige Natur.

Katechismus, § 365
Gott schafft die Seele, nicht die Eltern. Die Seele ist unsterblich

Die Kirche lehrt, daß jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen ist – sie wird nicht von den Eltern ,,hervorgebracht” – und daß sie unsterblich ist: sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen.

Katechismus, § 366
Geist und Seele werden manchmal unterschieden

Manchmal wird die Seele vom Geist unterschieden. So betet der hl. Paulus: ,,Gott 
 heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid” bei der Wiederkunft des Herrn (1 Thess 5,23).

Katechismus, § 367
Im Tod trennt sich die Seele vom Leib

Durch den Tod wird die Seele vom Leibe getrennt; in der Auferstehung aber wird Gott unserem verwandelten Leib das unvergÀngliche Leben geben, indem er ihn wieder mit unserer Seele vereint. Wie Christus auferstanden ist und immerdar lebt, so werden wir alle am Letzten Tag auferstehen.

Katechismus, § 1016

In der Alten Kirche (bis ca. 500 n.Chr.) haben verschiedene sogenannte «KirchenvĂ€ter» die Grundlagen der christlichen Lehre mit beeinflusst. Einer davon war Tertullian (160-220 n.Chr., in Karthago im heutigen Tunesien). Tertullian hat eine Schrift verfasst ĂŒber die Seele, «de anima».

Bereits das Ungeborene ist beseelt

Die Seele tritt nicht erst bei der Geburt des Menschen zu seinem Leibe hinzu, sondern die Erfahrung des gewöhnlichen Lebens sowie die Arzneiwissenschaft beweisen, dass schon die Frucht im Mutterleibe empfindet, also auch lebt und daher ihre Seele hat.

Tertullian, «de anima, 25. Cap.»
Leben ist atmen. Beides kommt aus der Seele.

Was heisst nicht leben? Keinen Hauch mehr aus sich ausstossen, denke ich. So wĂŒrde ich antworten mĂŒssen, wenn atmen und leben nicht ein und dasselbe wĂ€re. — Der Tote wird keinen Hauch mehr aus sich ausstossen, der Lebende wird also einen solchen ausgehen lassen. — Ja, aber auch der Atmende wird einen Hauch ausstossen, folglich wird der Lebende auch atmen. Wenn beides ohne die Seele vor sich gehen könnte, so wĂŒrde der Seele nicht das Atmen, sondern bloss das Leben zuzuschreiben sein. Aber leben ist atmen und atmen ist leben. Also ist das Leben und Atmen zusammen miteinander Sache dessen, dem das Leben eignet, d. h. der Seele.

Tertullian, «de anima, 10. Cap.»

đŸŽ¶ Musik fĂŒr einen Kaffee am Sonntagmorgen

YO YO MA & ITZHAK PERLMAN PLAY DVORAK

😁 …zu guter Letzt

Zum Schluss etwas ganz anderes! «Seele» ist nicht nur philosophisch und theologisch interessant, sondern auch musikalisch. Seele, auf englisch «Soul» bezeichnet eine der einflusreichsten Strömungen der afroamerikanischen Musik. Soul entwickelte sich Ende der 1950er Jahre aus Rhythm and Blues und Gospel. In den 1960er Jahren war Soul fast das Synonym fĂŒr schwarze Popmusik. (Mehr dazu z.B. auf Wikipedia.)

Grossartige Soul-Musiker wie Aretha Franklin und Ray Charles haben unsterbliche Songs geschrieben, hier zum Beispiel der Song «Think» aus dem Film «The Blues Brothers»:

Think

Und hier nochmals Aretha Franklin mit «I Say a Little Prayer»:

Aretha Franklin

Und hier Ray Charles mit «Hit the Road, Jack»…

Ray Charles

…und «Giorgia On My Mind»

Ray Charles 2

Soul lebt! Die Musik entwickelt sich weiter, auch die jĂŒngste KĂŒnstlergeneration sorgt fĂŒr Innovation und Hits. Hier ein Querschnitt von 2020.

Und das wars fĂŒr heute. 👋